7. August 2017

Erfahrungsbericht IONIQ vs VW e-Golf

Hyundai IONIQ vs VW e-Golf

Hyundai IONIQ vs. VW e-Golf

 

Unser Mieter Christian Krepel vergleicht den Hyundai IONIQ mit dem VW e-Golf

 

Nach den doch etwas ernüchternden Beiträgen zum VW e-Golf möchte ich nun auch ein paar Einschätzungen abgeben.

Zuerst einmal zu meinen Voraussetzungen: Ich fuhr den Hyundai Ioniq in vier Wochen fast 4.500km. Den e-Golf nutze ich nun seit drei Wochen und habe etwas über 2000km zurückgelegt. Einen besonderen Dank möchte ich noch einmal Stefan Moeller von Strominator.de aussprechen, der einiges in Gang gesetzt hat, um mir diese beiden Mieten zu ermöglichen.

Im Vorfeld muss ich sagen, der Ioniq ist das bessere E-Auto. Alles an diesem Auto scheint mit einem neuen und frischem Denken umgesetzt. Das merkt man besonders, wenn man direkt danach in den e-Golf umsteigt. Viele Teile (Hard- und Software) wurden einfach aus dem Regal genommen und ihrer neuen Bestimmung angepasst. Das passt leider nicht immer und diese Kleinigkeiten nerven im Alltag. Die erste Fahrt (über 500km lang) war besonders ernüchternd. Ich war zwar schon auf die schwächelnde Schnellladeleistung eingestellt, aber die 1,75h am dritten Ladestopp habe ich nicht erwartet.

 

 

Nach der längeren Nutzung muss ich aber eingestehen, dass ich viele Dinge des e-Golf erst langsam schätzen gelernt habe. Ich sehe den e-Golf nun doch als einen ernst zu nehmenden Konkurrenten zum Ioniq, wenn man etwas andere Maßstäbe ansetzt als den reinen E-Antrieb. Ich möchte vorab noch einmal hervorheben, dass ich hier nur die Vorteile des e-Golf beschreiben möchte. Natürlich hat der Ioniq ebenso viele Vorteile gegenüber dem e-Golf. Diese wurden aber meiner Meinung nach schon ausführlichst an anderer Stelle diskutiert und lohnen hier nicht, nochmals aufgeführt zu werden.

 

Verbrauch/Reichweite: Der e-Golf kommt an den Verbrauch des Ioniq nicht heran, ist aber trotzdem ein sehr effizientes Fahrzeug. Er verbraucht im Schnitt ca. 1-2 kWh mehr auf 100km. Dabei ist es eigentlich egal, ob Stadt, Landstrasse oder Autobahn betrachtet wird. Durch den etwas größeren Akku ist die Reichweite mit dem Ioniq in allen Bereichen identisch. Außer den geringfügigen Mehrkosten für den Strom, sehe hier keinen Vorteil für einen von beiden.

 

 

Licht: Der e-Golf ist mit Active Lighting ausgestattet. Und das ist sehr beeindruckend! Während das Abblendlicht keinen besonderen Vorteil bringt, ist besonders das Fernlicht eine ganz andere Liga. Es fächert sehr weit auf, strahlt wesentlich weiter und ist kaltweiß. Die Abblendautomatik (Ausblenden von Gegenverkehr und vorausfahrenden Fahrzeugen) funktioniert in fast allen Situationen einwandfrei. Ein sehr angenehmes Feature.

ACC-stop & go: Zwiegespalten bin ich über den adaptiven Tempomaten. Die Abstimmung der Abstandsregelung finde ich im e-Golf besser gelungen. Besonders auf der Autobahn regelt er feinfühliger und vorhersehbarer als das System im Ioniq. Der wiederum punktet aber im Stau. Das Staufahren im Ioniq ist sehr angenehm und die Regelung bis zum Stillstand reagiert sehr feinfühlig. Hier wirkt der e-Golf sehr unbeholfen und teilweise ruppig. Eine Kombination der Vorteile beider Systeme wäre die perfekte Lösung.

Infotainment: Das Infotainment ist für mich das Beste in dieser Klasse. In Verbindung mit dem Active Info Display spielt es seine Stärken besonders aus. Es ist schnell und einfach zu bedienen und die Auflösung ist schärfer und kontrastreicher als bei den Konkurrenten. Die Sprachbedienung ist nach kurzer Eingewöhnung gut nutzbar. Das besondere Highlight ist aber die Einbindung von persönlichen POIs. Im Ioniq ist nicht nur die Suche nach POIs etwas holprig, sondern auch nur eine begrenzte Anzahl möglich. Beides ist im Golf viel besser gelöst. Die persönlichen POIs werden grafisch mit eigenen Symbolen auf der Karte dargestellt und können sogar direkt in der Karte angewählt werden und als Ziel oder Zwischenziel ausgewählt werden. Ich habe die gesamte goingelectric-Datenbank aufgeteilt in 2 Kategorien (Typ2 und CCS) im Navi importiert. Eine Suche im Handy ist damit nicht mehr notwendig.

 

Als sehr engagierter Musikhörer, war ich gespannt auf das Soundsystem im Ioniq. Schnell war ich aber sehr enttäuscht. Bis heute kann ich mir nicht erklären, wie soviel Aufwand (externer Verstärker, Tieftöner im Kofferraum) zu so einem uninspiriertem Klang führen kann. Da ist selbst der Standardsound im e-Golf viel spielfreudiger, glänzt mit guter Dynamik, einem starken Bassfundament und sauberer Auflösung im Hochtonbereich. Ich würde mich persönlich für das Dynaudio-Soundsystem entscheiden, aber auch der Standard ist hier schon sehr gut.

Innengeräusche: Der e-Golf ist eines der leisesten Fahrzeuge, die ich bisher gefahren bin. Nach meinem Empfinden ist er leiser als der Ioniq. Auch konnte ich keine lauteren Windgeräusche aufgrund der etwas schlechteren Aerodynamik gegenüber zum Ioniq erkennen, eher im Gegenteil. Ich vermute der e-Golf profitiert hier von seiner besseren Gräuschdämmung, die bei seinen Verwandten mit Verbrennungsmotor notwendig ist. Auch die Abrollgeräusche sind wesentlich besser gedämmt und entfernter wahrnehmbar.

 

 

Aussenmaße/Übersichtlichkeit: Der e-Golf ist ein ganzes Stück kürzer als der Ioniq. Davon profitiert er in der Stadt. Er wirkt wendiger und ist besser einzuparken. Zudem ist er aufgrund seiner Form und der größeren Fensterfläche für mich wesentlich übersichtlicher. Gut zu erkennen ist das sowohl beim rückwärts Einparken als auch während des Schulterblickes beim Abbiegen.

Innenraum/Kofferraum: Ganz klar. Die wesentlich kürzere Aussenlänge geht zu Lasten des Kofferraumvolumens. Er ist kleiner bietet aber auch ungeahnte Vorteile. Der doppelte Ladeboden ist einfach super praktisch. Unter diesem lassen sich in meinem Fall ganz einfach drei Ladekabel, der (serienmäßige) Wagenheber und ein paar Putzmittel verstauen. Dabei ist er immer noch nur zur Hälfte gefüllt. So bleibt der obere Kofferraum komplett frei. Es ist nirgends ein Umräumen der Ladekabel notwendig. Und wenn einmal etwas mehr Kofferraumtiefe notwendig ist, kann der doppelte Boden einfach noch um eine Etage abgesenkt werden. Natürlich ist dann ein Verstauen der Ladekabel nicht mehr so einfach möglich.

Seitenwindempfindlichkeit: Dem Golf wurde öfter eine größere Seitenwindempfindlichkeit gegenüber dem Ioniq bescheinigt. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich lebe im windigen Norden. Keiner der beiden war hier merklich schlechter oder besser als der andere. Hier sehe ich einen Patt.

 

Innenraum/Bedienung: Am Innenraum erkennt man sofort, dass man in einem Volkswagen sitzt. Sowohl am Design als auch an den verwendeten Materialien. Fast jeder Mitfahrer streichelte über das Cockpit und der meist ausgesprochene Satz war: “Ja, das können sie bei VW.”. Das möchte ich nicht bewerten, sondern nur erwähnen. Meine Einstellung dazu hat sich in den letzten Jahren etwas geändert, aber auch diese emotionale Wertung ist beim Autokauf nicht zu unterschätzen.
Was ich aber bewerten möchte, sind die Sitze. Im Ioniq wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, das diese ziemlich unbequem sind. Ich teile diese Einschätzung. Besonders nach dem Umstieg in den e-Golf ist zu merken, das deren Sitze wesentlich angenehmer gepolstert sind und eine bessere Seitenführung besitzen. Zudem ist der Stoffbezug angenehmer als der des Ioniq Style. Der Golf-Fond ist für die Beine ein klein wenig enger geschnitten, dafür ist aber die Kopffreiheit großzügiger. Ein großes Plus ist der hintere Türausschnitt des Golf. Besonders ältere Mitfahrer kamen nicht so bequem in den Ioniq. Der hintere Dachpfosten hat doch zu der ein oder anderen unangenehmen Kopfnuss geführt.

AC-Ladeleistung: Das zweiphasige Ladegerät im Golf ist in der Handhabung etwas komfortabler. Besonders im mit 11kW-Ladesäulen übersähten Berlin spielt es klar seine Vorteile aus. Ich habe keine private Lademöglichkeit und bin zu 100% der öffentlichen Ladeinfrastruktur mit seinen skurrilen Geschichten ausgeliefert. Diese möchte ich jetzt hier nicht auch noch aufschreiben, da dass ein ganzes Buch füllen könnte, aber der e-Golf ist hier für meine Voraussetzungen klar im Vorteil.

 

 

VESS/e-Sound: Wer zum Himmel hat sich diesen “spacigen” Unfug beim Ioniq ausgedacht? Ich habe meinen Stammparkplatz in einem unterirdischen Parkhaus. Wenn der Ioniq losrollt, beschallt er das gesamte Parkhaus mit diesem sogenannten Fußgängerschutz. Niemand hat diesen unspezifizierten “Sound” als ein Auto identifiziert. Ich habe es vor jeder Fahrt deaktiviert. Leider lässt sich das nicht permanent ausschalten und nur bei Bedarf nutzen. Nach drei Jahren Elektromobilität habe ich generell etwas gegen diesen permanenten künstlichen Lärm. Ich war in noch keiner Situation, in der ich mit meiner Fahrweise jemanden gefährdet hätte, nur weil er mich nicht wahrgenommen hat. Hier muss man einfach beide Seiten darauf aufmerksam machen, dass es nun auch leisere Fahrzeuge gibt. Und wenn schon jemand Geräusche benötigt, um auf sich aufmerksam zu machen, sehe ich die “freundliche” Fußgängerhupe im alten Opel Ampera als die viel bessere Lösung an. Diese ist grundsätzlich aus, kann bei Bedarf genutzt werden und jeder identifiziert sie sofort als Auto. Was hat das nun mit dem e-Golf zu tun? Der von mir genutzte e-Golf hat kein e-Sound. Und ich sehe das als einen großen Vorteil für mich an, dass dieser explizit dazu bestellt bzw. abgewählt werden kann.

Car-Net: Das von mir genutzte Fahrzeug ist leider (noch) nicht für Car-Net freigeschaltet. Deshalb konnte ich es auch bisher nicht nutzen. Aber generell ist dies ein entscheidender Vorteil des e-Golf. Es lässt sich die Ladung und der Akkustand überwachen. Das ist besonders wichtig, wenn man wie ich ausschließlich öffentlich lädt. Auch bei Schnellladungen auf längeren Strecken ist es sehr angenehm, da man nicht zur Kontrolle an das Fahrzeug gehen muss und auch seine Pausenzeit besser organisieren kann. Ein zusätzlicher Mehrwert ist die Vorklimatisierung über die App. Das alles fehlt dem Ioniq um ein noch besseres E-Auto zu werden. Live-Traffic und Online-POIs beherrschen dagegen beide.

 

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